Bartleby der Schreiber

Bartleby, der Schreiber zählt zu den Klassikern der Literatur und beleuchtet eine traurige Hauptfigur und dessen Umfeld. Der Erzählstil wirkt zu Beginn durchaus amüsant, wandelt sich jedoch während der Handlung. Der Erzähler des Buches betreibt eine Anwaltkanzlei in New York und arbeitet bereits mit zwei eigenwilligen Kopisten zusammen. Mr. Turkey leistet Vormittags sehr gute Arbeit, wirkt am Nachmittag jedoch sehr zerstreut und aufgebracht, welches Verhalten auch Mr. Nippers zum gegenteiligen Zeitpunkt besitzt. So verrichtet der Erzähler seine Arbeit mit den Stärken und Schwächen seiner Schreiber, bis eines Tages Bartleby auftaucht und sich als Kopist bewirbt. Bartleby besitzt eine sehr angenehme, ruhige Persönlichkeit, verrichtet seine Arbeit fehlerfrei und bezieht sogar einen Posten in der Nähe des Leiters. Doch wirkt er introviert, spricht kaum und verlässt erst am Abend, als letzter Mitarbeiter die Kanzlei. Selbst zum Mittagessen verlässt er das Gebäude nie oder würde sich in New York umsehen. Eine karge Mahlzeit aus Ingwerkeksen genügt ihm. Eines Tages beginnt Bartleby jedoch, dem Erzähler höflich zu widersprechen, als er eine Korrekturlesung ablehnt. "Ich ziehe vor, dies nicht zu tun" ist seine einzige Antwort. Keine Begründung, keine Veränderung in seinem Wesen. "Ich ziehe vor, dies nicht zu tun" bleibt seine höfliche und einzige Antwort. Verwundert und auch etwas verärgert lässt der Erzähler, Bartleby seine Eigenheiten gewähren, da er schließlich gute Arbeit leistet. Der Schreiber wirkt zunehmend apathisch, blickt für Stunden melancholisch aus dem Fenster und eines Tages an einem Sonntag erkennt der Erzähler, dass er sogar in der Kanzlei wohnt. Ob der Traurigkeit und Einsamkeit überrascht, fragt ihn sein Vorgesetzter bestürzt, wie es dazu kam und was in seinem Leben geschehen ist und ob er ihm nicht erklären könne, ob er eine Behausung besitzt. "Ich ziehe vor, dies nicht zu tun" oder es wäre ihm lieb, nicht darüber zu sprechen, sind die einzigen Antworten des blassen, ruhigen Mannes.

Schließlich eskaliert die Situation, als Bartleby es vorzieht, auch nicht mehr zu Schreiben. Er verrichtet keine Arbeit und verdient im Grunde weder Lohn, noch die Kanzlei als Wohnung zu verwenden. Der psychisch beeinträchtigte Mann löst ein solches Mitgefühl aus, dass der Anwalt ihn nur widerwillig und mit einem stattlichen Abfinden entlässt, was eine regelrechte Zerrissenheit beim Erzähler auslöst. Als der Tag der Trennung hereinbricht, bezieht Bartleby jedoch nach wie vor den Posten und zieht es höflich vor, die Kanzlei nicht zu verlassen. Was soll der Erzähler unternehmen? Das traurige Schicksal des Mannes belastet ihn und er möchte Bartleby kein Leid zufügen oder die Polizei verständigen. Bartleby scheint zunehmend seinen Lebenswillen zu verlieren. Auf alle Ratschläge und der Hilfe des Erzählers folgt nur die idente Antwort, welche sich zunehmend trauriger anhört. "Ich ziehe vor, dies nicht zu tun". Bartleby, der Schreiber ist ein zutiefst menschliches Buch, welches berührt und zum Nachdenken anregt. Beim Lesen des Buches kam mir häufig der Gedanke, dass Jeremy Brett, vielen als Sherlock Holmes bekannt, eine perfekte Rolle für eine Verfilmung gewesen wäre.

10/10

Kommentare:

  1. Ich schätze Hermann Melville ausserordentlich und halte "Bartleby, the Scrivener" für ein besonders im deutschsprachigen Raum wenig bekanntes Beispiel der Gattung Short Story (man würde in den USA von einer "Long Short Story" spechen). Freut mich, dass du auf das Werk aufmerksam machst. Dass ich dir nun natürlich auch Melville's Meisterwerk "Moby Dick" und die Novelle "Billy Budd" nahenlegen würde, war wohl zu erwarten. :)

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  2. Danke. Moby Dick kenne ich bereits, aber Billy Budd muss ich bei Gelegenheit nachholen. Ich muss gestehen, dass mir manche Kurzgeschichten bedeutend besser gefallen, als große Werke. Was große Werke betrifft, werde ich im Winter Bleak House von Charles Dickens beginnen, welches ich bisher wegen der Seitenanzahl gemieden habe. Diese Woche werde ich auch wieder ein paar Filme ansehen, aber derzeit reizen mich Serien mehr. Im Oktober erscheinen jedoch wieder ein paar nette Filme.

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